Bakterien erziehen Immunsystem

"Mama, wogegen bin ich eigentlich allergisch?" - die Frage ist heute für Kinder nur natürlich. Vor 30 Jahren wusste dagegen kaum ein Kind, was der Begriff Allergie überhaupt bedeutet. Die Hygienehypothese macht die schwindenden Bakterien in unserer Umgebung für die steigenden Allergikerzahlen verantwortlich. Besonders in der Schwangerschaft und während der ersten Lebensmonate befinden sich sensible Zeitfenster, in denen Bakterien für die Erziehung des Immunsystems verantwortlich sind. Wissenschaftler sprechen von den "windows of opportunity".

Neben der genetischen Veranlagung entscheiden verschiedene Umweltfaktoren mit, ob im Laufe des Lebens eine Erkrankung entsteht, bei der das Immunsystem zur Über- oder Unterreaktion neigt. Neben der Ernährung scheint die Mikroflora – die uns besiedelnden Bakterien und Pilze - einer der wichtigsten Umweltfaktoren zu sein. Auch die Mikroben in unserer unmittelbaren Umgebung spielen eine Rolle. 

Leben auf dem Bauernhof schützt

In der Modellsituation des traditionellen Bauernhofes haben Wissenschaftler untersucht, welchen Einfluss die Mikroben auf das Immunsystem des Menschen haben. Die Wissenschaftler konnten zeigen: wachsen Kinder auf dem Bauernhof auf oder haben sie viel Kontakt zu anderen Kindern, ist das Allergie-Risiko geringer. Je öfter und länger sich die Kinder auf dem Bauernhof aufhielten, desto wirksamer war der Schutz. Auch der Zeitpunkt ist wichtig: schon vor der Geburt und während der ersten Lebensjahre wirkt sich der Aufenthalt am stärksten aus. Im Alter über fünf Jahre hat er dagegen kaum noch eine Wirkung. Entsprechend bieten Schwangerschaft und Kleinkindphase die Gelegenheit für eine frühe Immunerziehung.

Zu diesem Zeitpunkt lernt das Immunsystem anhand der Darmflora, zwischen gefährlich und ungefährlich zu unterscheiden. Ist die bakterielle Vielfalt im Darm eingeschränkt, kann das Immunsystem weder eine ausreichende Toleranz gegenüber ungefährlichen Stoffen entwickeln, noch genügend Schlagkraft gegenüber Krankheitserregern ausbilden. Damit trägt eine ungünstig veränderte Darmflora zur Entstehung von Allergien, Autoimmunerkrankungen oder auch einem geschwächten Immunsystem bei.

Bauernhof in die Stadt bringen

Heute überlegen Ärzte und Wissenschaftler, wie sie Teile des Bauernhoflebens in die Stadt holen können. Zwar hat rohe Kuhmilch im Säuglingsalter eine immunerziehende Wirkung, doch das Risiko schwerer Infektionen ist zu groß, als dass Rohmilch empfohlen werden könnte. 

Die Vision der Wissenschaftler: eine Pille mit all den Bakterien des Bauernhofs, die eine schützende Wirkung entfalten. Doch bis dahin ist es ein langer Weg. Aber heute stehen bereits Arzneimittel zur Verfügung, die Bakterien enthalten und auf das Immunsystem einwirken. Um die sensiblen Zeitfenster für die Immunerziehung im Säuglingsalter zu nutzen, bietet sich die Anwendung von Präparaten mit inaktivierten Bakterien an, deren Sicherheit sich in über 60-jähriger Anwendung gezeigt hat.