Immunerziehung

Die Bedeutung der Darmflora im Säuglingsalter

In der richtigen Zusammensetzung fördern die Bakterien in unserem Darm die Gesundheit. Sie schließen unverdauliche Nahrungsbestandteile auf, versorgen uns mit Vitaminen und trainieren das Immunsystem. Schon im Mutterleib beginnt die bakterielle Besiedlung des Ungeborenen. Während der Geburt und der ersten Lebensjahre entsteht im Darm nach und nach ein Ökosystem von gigantischem Ausmaß. Gerät die bakterielle Gemeinschaft aus dem Gleichgewicht, kann das weitreichende Folgen für die Gesundheit haben.

Die uns besiedelnden Mikroorganismen machen zwar nur ein bis drei Prozent unseres Körpergewichts aus, sie sind uns an Zellen aber haushoch überlegen. 100 Milliarden Mikrobenzellen besiedeln den menschlichen Körper – das sind zehnmal mehr Mikrobenzellen als menschliche Körperzellen. Die Darmflora begleitet uns ein Leben lang und ist so individuell wie der Fingerabdruck. Zu den wichtigsten Aufgaben der Mikroflora im Darm gehören der Abbau von unverdaulichen Stoffen, die Abwehr von Krankheitserregern und das Training des Immunsystems.

Im Mutterleib

Lange Zeit galt der Darm eines ungeborenen Kindes als steril. Ob das wirklich stimmt, ist allerdings nicht klar. Denn Wissenschaftler machten eine erstaunliche Entdeckung: Sie fanden in der Plazenta von frisch entbundenen Frauen die DNA von Bakterienarten, die der mütterlichen Mundflora angehören. Der Nachweis sagt allerdings nichts darüber aus, ob die Bakterien leben oder ob es sich nur um Bakterienbruchstücke handelt. Auf jeden Fall spielt die Mundflora der Mutter eine wichtige Rolle für die Gesundheit des Babys. Ist die Mundflora ungünstig zusammengesetzt, wie es bei der Parodontitis der Fall ist, erhöht sich das Risiko für eine Frühgeburt.

Bei der Geburt

Vor allem legt aber die Art der Geburt den Grundstein für die bakterielle Besiedlung des Kindes. Während einer natürlichen Geburt kommt das Baby zunächst mit der mütterlichen Vaginalflora in Kontakt, später auch mit den Hautbakterien der Mutter. Bei einem Kaiserschnitt fehlt der Kontakt zur Vaginalflora der Mutter. Die Hautbakterien der Mutter und die Bakterien aus der Krankenhausumgebung besiedeln deshalb den kindlichen Darm. Milchsäurebakterien wie die Laktobazillen und die Bifidobakterien und auch die Bacteroides-Arten gehören bei den vaginal geborenen Kindern zu den ersten Bakterienarten. Bei Kaiserschnitt-Kindern kommen sie erst später dazu. Gleichzeitig sind die Kinder anfälliger für Erkrankungen wie Allergien und Asthma.

Die ersten Jahre

In den ersten Lebensjahren bauen die Bakterien aus der Muttermilch und die Bakterien aus der Umgebung des Kindes die Darmflora auf. Ob ein Baby gestillt wird oder industriell hergestellte Milch erhält, spiegelt sich in der Zusammensetzung der Darmflora wider. Bei gestillten Kindern besiedeln hauptsächlich Milchsäurebakterien den Darm. Sie können Krankheitserreger besonders gut abwehren. Bei Flaschenkindern ähnelt die Darmflora dagegen der von Erwachsenen.

Wie zahlreiche Studien des letzten Jahrzehnts zur bakteriellen Besiedlung gezeigt haben, ist die Darmflora umso gesünder, je vielfältiger sie ist. Doch unser modernes Leben wirkt der bakteriellen Vielfalt entgegen. Eine natürliche Geburt, ältere Geschwister und eine Bauernhofumgebung tragen zur bakteriellen Vielfalt bei – und fehlen oft in der modernen Gesellschaft.

Denn zu diesem Zeitpunkt lernt  das Immunsystem anhand der Darmflora, zwischen gefährlich und ungefährlich zu unterscheiden. Ist die bakterielle Vielfalt eingeschränkt, kann das Immunsystem weder eine ausreichende Toleranz gegenüber ungefährlichen Stoffen entwickeln, noch genügend Schlagkraft gegenüber Krankheitserregern ausbilden. Damit trägt eine ungünstig veränderte Darmflora zur Entstehung von Allergien, Autoimmunerkrankungen oder auch einem geschwächten Immunsystem bei.